Die Vorgeschichte
Über Chaos-adé
Es ist ja bekannt, dass das Ordnen bei vielen Menschen ziemlich viel Zeit beansprucht. Dabei ist Ordnung hier gar nicht nur das Ordnen von Dingen. Es ist auch ein Ordnen von Gedanken, eine Neuordnung von Prioritäten. Vielleicht ist es überhaupt ein Versuch, sich in all den Dingen, Bildern, Informationen und Möglichkeiten, die ständig auf uns einwirken, einen Überblick zu verschaffen.
Gehört Chaos dazu? Was ist Chaos?
Wir sortieren Dinge, Gedanken und Erinnerungen. Wir ordnen Projekte, Informationen und Bilder. Wir bauen Archive, Bibliotheken und Datenbanken, schreiben Listen und entwickeln Systeme. Und kaum haben wir etwas geordnet, entsteht schon wieder etwas Neues, das sich nicht so recht einfügen will.
Vielleicht ist genau dieser Moment interessant: das Ordnen selbst, der Übergang, das Dazwischensein. Durchatmen.
Ordnen hat auch immer etwas Biografisches.
Beim künstlerischen Tun ist es ähnlich: Man gestaltet etwas und schaut dabei, was sich zeigt. Was zeigt sich da? Etwas, das nicht einfach nur aus einer bewussten Entscheidung entstanden ist. Danach stellt sich die Frage: Was ist das, was sich da zeigt? Wie ist das zu verstehen? Was könnte das bedeuten?
Und dann kommt der nächste Schritt: Was passiert, wenn ich gezielt eingreife? Wenn ich etwas verändere, verschiebe, hinzufüge oder wegnehme?
Es ist also auch ein bewusstes Durcheinanderbringen und Neuordnen. Manchmal kann das sogar bedeuten, etwas zu zerstören, um Platz für etwas Neues zu schaffen.
Nun, zugegebenermaßen ist der Moment, wo etwas geordnet ist, schön. Zum Beispiel ein clean desk, der so frisch und einladend ist wie der Morgentau. Denn: Die nächste Un- oder Umordnung kommt bestimmt.
In einem Moment gefühlter Unüberwindbarkeit habe ich dann plötzlich laut „Chaos-adé“ gesagt. Dieser Begriff lag vor mir, hatte etwas Schwingendes, etwas Vielversprechendes. In jedem Anfang liegt ein Zauber.
Am Anfang war tatsächlich auch der Wunsch nach mehr Ordnung dabei. Aber je länger ich darüber nachdachte und nachdenke, desto weniger glaube ich, dass es hier überhaupt darum geht, Ordnung als endgültigen Zustand herzustellen. Chaos-Ade könnte also missverständlich sein, das ist mir bewusst.
Ein Magazin
Aus diesen Gedanken ist www.chaos-adé entstanden. Ob das ein Projekt, ein Magazin oder ein Essay (Versuch!) wird, kann ich derzeit noch nicht sagen.
Der Plan ist ein Magazin.
Vielleicht ist der Sinn dieses Namens: nicht das Chaos überwinden zu wollen, sondern immer wieder zu versuchen, darin etwas zu erkennen, es einzuordnen – und in diesem Dazwischen anzukommen. Ohne es zu verklären.
Bis zum nächsten Mal.
Karen Oldenburg